Neujahrsrundgang zur Pionierbrücke

Die derzeit vielerorts heiß diskutierte „Pionierbrücke" als Zuweg zum Schusterwörth war am ersten Samstag des neuen Jahres das Ziel des vom Heimat- und Geschichtsverein organisierten Neujahrsrundganges. Wetter und Thema passten. Bei strahlend blauem Himmel und trockener Kälte konnte der Vorsitzende Ludwig Jung am Treffpunkt mehr als 100 Personen zu dem rund zweieinhalbstündigen Marsch und anschließend gemütlicher Runde bei deftigem Eintopfgericht im Heimatmuseum begrüßen.

Die Pionierbrücke, so führte der Vorsitzende am Ziel aus, sei 1893 von 400 Pionieren über den östlichen Rheinarm geschlagen worden, um einen leichteren Zugang zum Schusterwörth zu erreichen. Nach etwa 30 Jahren sei sie baufällig abgerissen worden. Aus dem noch brauchbaren Holz habe ein Leeheimer Landwirt später eine Scheune auf dem Schusterwörth errichtet, die später nach Leeheim umgesiedelt worden sei. Ein kleines, etwa 120 Jahre altes Erinnerungsscheit dieser inzwischen ebenfalls abgerissenen Scheune habe ein Nachkomme dem Heimatmuseum zur Aufbewahrung übergeben. An gleicher Stelle wurde 1923 von der Landseite ein Damm in den Rheinarm aufgeschüttet und mit einer kleinen Brücke eine Verbindung zum Festland geschaffen. Obwohl nicht mehr von Pionieren errichtet, blieb der alte Name dieser, zur Verbindung zu dem heute noch beliebten Ausflugsziel, dem Schusterwörth erhalten.

Der Heimat- und Geschichtsverein Leeheim setzt sich mit einer Unterschriftenliste dafür ein, dass die Zufahrt in das Naherholungsgebiet Schusterwörth auch in Zukunft:

•       auch für gehbehinderte Menschen möglich ist

•       bei Schiffsunfällen u.Ä. von DLRG und Feuerwehr gut erreichbar ist

• die Landwirte ihre vom Land Hessen gepachteten Grundstücke ohne große Umwege (Umweltschutz) erreichen können.  

Die Pionierbrücke am Schusterwörth war am Samstag (02.01.) das Ziel des Gemarkungsrundganges, den der Heimat- u. Geschichtsverein Leeheim ausrichtete. Knapp über 100 Teilnehmer machten sich auf den 11 km langen Marsch. Hier zu sehen auf der Brücke.  Foto Robert Heiler

Lediglich Reparaturen sind notwendig

Pionierbrücke: Leeheimer Heimatverein übergibt der Stadt Unterschriften, die den Erhalt der Brücke unterstützen sollen

24. Februar 2010  |  hhh

LEEHEIM.

Die Unterzeichnenden beantragen, dass sich die Stadt Riedstadt nachdrücklich dafür einsetzt, dass die sogenannte Pionierbrücke als Zufahrt zum Schusterwörth und zum Rhein erhalten bleibt." Diese bisher von 659 Bürgern unterschriebene Aufforderung überreichte Ludwig Jung, Leiter des Leeheimer Heimat- und Geschichtsvereins, am Montag im Goddelauer Rathaus der Ersten Beigeordneten Erika Zettel.

Seit mehr als 100 Jahren sei die Pionierbrücke die einzige Möglichkeit, auf kurzem Wege auf die Halbinsel Schusterwörth zu kommen, erläuterte er. Die Bewirtschaftung der Grundstücke dort, die erforderlichen Arbeiten am Rheinufer, für all dies sei der Weg über diese Brücke notwendig. Auch für Feuerwehr, Deutsche Lebensrettungsgesellschaft und andere Rettungsdienste müsse bei Notfalleinsätzen am Rhein der direkte Weg zum Fluss erhalten bleiben.

Da das Schusterwörth außerdem Naherholungsraum für zahlreiche Menschen sei, so Jung weiter, werde die Brücke als Pkw-Zufahrt zum Parkplatz genutzt, besonders von Gehbehinderten. ,,Die Brücke darf nicht den gleichen Interessen wie die Schusterwörth-Gaststätte (im ehemaligen Strommeister-Dienstgebäude) geopfert werden."

Die Unterschriftenbögen, die der Heimat- und Geschichtsverein verteilt hatte, wurden bislang von Bürgern aus 36 Kommunen unterzeichnet, darunter Dornheim, Frankfurt, Hanau, Maintal, Offenbach, Mainz und Wiesbaden.

Während des Gesprächs im Rathaus, an dem auch Bauamtsleiter Hans Domes teilnahm, vermutete Jung, dass die Brücke selbst noch mehrere Jahre tragfähig sei. Lediglich im Gelände fielen einige Arbeiten an, und die Löcher in der Fahrbahn müssten aufgefüllt werden. Dafür seien die vom Regierungspräsidium Darmstadt (RP) gebotenen 50 000 Euro mehr als ausreichend. Das RP war bereit, diese Summe als geschätzte Brückenabrisskosten an die Riedstädter zu zahlen - wenn das Bauwerk in städtische Verantwortung überginge. Damit hätte die Riedstadt die Brücke künftig zu unterhalten.

Das hatte die Stadt bislang abgelehnt. Dass dies zum Präzedenzfall für die anderen Verkehrswege in der Knoblochsaue werden könnte, erläuterte Hans Domes: Der Schusterwörth mit seinen rund 1500 Hektar gehört zu 73 Prozent dem Land Hessen und zu 17 Prozent dem Bund. In Riedstädter Besitz sind nur 3,8 Prozent der Fläche. Damit seien die Haupteigentümer (Land und Bund) eigentlich für die Verkehrssicherheit und den Wegeunterhalt der rund 30 Kilometer öffentlicher und Waldwege dort zuständig.

Wenn diese Wege künftig ,,entsprechend ihrer Verkehrsbedeutung eingestuft" würden, kämen auf Riedstadt vermutlich erhebliche finanzielle Belastungen zu. Das RP hatte bereits im April 2008 an das hessische Straßengesetz erinnert: Dem zufolge dient der Weg zum Schusterwörth überwiegend dem Verkehr innerhalb einer Gemeinde oder dem Verkehr zwischen Gemeinden: ,,Der Straßenzug ist deshalb als Gemeindestraße einzustufen; die Baulast liegt somit bei der Kommune, so dass diese auch für die Unterhaltung des Weges inklusive des Bauwerkes verantwortlich ist", hieß es in einer Mitteilung an die Stadt.

In diesem Zusammenhang wies Erika Zettel darauf hin, dass das Land Hessen als dessen Eigentümer den Plattenhof veräußern will.

Endgültig hat sich der Regierungspräsident noch nicht zum Riedstädter Einspruch gegen die endgültige Schließung der Pionierbrücke geäußert. Am 15. Januar hatte die Behörde eine Entscheidung bis Ende Februar zugesagt. Riedstadt werde deshalb die Unterschriften, mit denen die Interessen der Stadt unterstützt werden sollen, an das RP weiterleiten, betonte Erika Zettel.

Speisen unterm Galgen

Galgengeschichten erzählten die beiden Henkersgattinen "Sophie und Sefchen" alias Christiane Wagner (rechts) und Jutta Failing am Samstagabend im Leeheimer Heimatmuseum. Dazu gab's ein Vier-Gänge-Menü.

Foto: Robert Heiler

11. Oktober 2010

Geschichte - Im Museum Leeheim wird eine Henkersmahlzeit mit Einblick in die Arbeit der Scharfrichter serviert

LEEHEIM. Das Getränk ist blutrot, die Tische tragen Trauer in Form schwarzer Decken, und drohend hängt die Schlinge am Galgen. Als 30 Verurteilte am Samstagabend im Heimatmuseum ihre Plätze einnehmen, erwartet sie eine Henkersmahlzeit besonderer Art. Die Verurteilten sind zwar keine echten Delinquenten. Aber ein bisschen gruselig ist es schon, wenn als erster Gang eingelegte Hautstreifen serviert werden. Die entpuppen sich glücklicherweise als saftiger Schinken, und die Sprossen dazu stammen nicht von der Leiter zum Galgen.
Und dann begeben sich alle auf die Reise in eine Zeit, in der eine Hinrichtung ein Volksfest war und Scharfrichter ein Ausbildungsberuf.
Viele Fakten rund um dieses Gewerbe haben die Kunsthistorikerin Jutta Failing und die Autorin Christiane Wagner in einem Buch zusammengestellt. Statt in schlichter Lesung präsentieren sie ihr Werk als stimmungsvolles Ereignis mit Gruselfaktor. Und das gute Henkersmahl gibt es nur, um zu verhindern, dass zornige Seelen nach ihrem Tod den Henker heimsuchen.

Leben am Rand der Gesellschaft

Der Unterhaltungswert einer Hinrichtung verhinderte früher nicht, dass der Scharfrichter samt Familie von den ehrenwerten Bürgern gemieden wurde -zumindest bei Tag. Im Schutz der Dunkelheit suchte man sie gern auf, weil ihr Haus heilkräftige Mittel barg.

Jutta Failing und Christiane Wagner als Henkersgattinnen besuchen daher die 30 Kandidaten für Strick und Beil und erzählen aufmunternd von den vielen Verwendungsmöglichkeiten ihres entseelten Körpers: Besonders begehrt zum Einreiben schmerzender Gelenke ist das Armesünder-Fett. Und etwas ganz Besonderes sind in diesem Fett geröstete Kaulquappen - die helfen gegen unerwünschte Schwangerschaften, verrät Christiane Wagner. Und gibt ein weiteres  Rezept aus ihrer Küche preis: Schädelmoos mit Blut und Krötengift in einem roten Samtbeutel hilft gegen Nasenbluten.
Kein Wunder, dass die beiden eng mit den ortsansässigen Apothekern zusammenarbeiten und  eine lange Liste mit Bestellungen dabei haben. Begehrt sind auch vertrocknete Daumen Jutta Failing hat immer einen dabei in ihrem roten Samtgewand: "Ich drück die Daumen - aber nicht die eigenen." Der Spruch bekommt da eine neue Bedeutung. Die Frauen werden also reichlich Arbeit haben mit der Verwertung der Hingerichteten.
Wer bislang noch gelassen seine Blutsuppe löffelte, dem jagt Scharfrichter Hans in roter Maske dann doch einen Schauer über den Rücken. In diese Rolle schlüpft Hans Wagner und nimmt schon mal mit seinem Schwert Maß am Nacken einer armen Sünderin. Nur ein guter Scharfrichter bleibe im Amt, erzählt derweil seine Frau. Er trenne mit einem Hieb den Kopf vom Rumpf.

Sauber köpfen will gelernt sein

Die saubere Arbeit will gelernt sein. Daher übt der Nachwuchs erst an Kohlköpfen, dann an Tieren. Erst mit 16 Jahren steht - als Meisterstück - die erste echte Enthauptung an. Und tatsächlich wird auch klein geraspelter Kohl serviert, zusammen mit Schafottgeschnetzeltem. Ob der Kohl als Übungsobjekt diente, ist nicht bekannt. Doch die Verurteilten bekommen einen Eindruck davon, dass auch der Beruf des Henkers gelernt sein will.

Der hatte damals noch weitere Aufgaben, etwa die Folter. Schon hat Henker Hans sich aus dem Publikum Christoph Hanewald ausgesucht, den er fachgerecht an den Pranger stellt und einen Text zur Entschuldigung aller Missetaten vorlesen lässt: Wir bedanken uns für die Strafe und bitten um eine glückliche Hinrichtung", heißt es da. Der letzte Gang des Menüs ist verzehrt, jetzt bleibt nur noch der Gang zum Galgenberg. Da tritt der Dorfbote (Hans Wagner) auf und überbringt die Begnadigung des Königs. Das ist sogar noch besser als eine glückliche Hin­richtung. Nur die Henkersgattinnen jammern, denn ihnen gehen gute Einnahmen verloren.

Das Buch
Alle Fakten rund um 400 Jahre Hinrichtungen und Scharfrichter haben Christiane Wagner und Jutta Failing in dem Buch „Niemals auf den Kopf gehacket.." zusammengetragen, das im Verlag Naumann in Nidderau erschienen ist und 14,80 Euro kostet.

 

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